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Einen Trainer, der seine Sportlerin «fette Kuh» nennt, darf es nicht geben

Dieser Text, liebe Leserinnen und Leser, richtet sich ausnahmsweise weniger an euch als Hobbyathleten, Leistungssportler/-innen oder Gesundheitsbewusste – sondern an die Eltern unter euch.
Erinnert ihr euch an Larry Nassar? Das ist der frühere Teamarzt des amerikanischen Turnverbands, der über Jahrzehnte Mädchen und Frauen sexuell missbraucht hat. Vor zwei Jahren wurde er dafür zu lebenslänglicher Haft verurteilt.

Ein unvorstellbares Verbrechen, für das ich bis heute keine richtigen Worte finde. Es gibt keine Worte für das Elend, das Nassar angerichtet hat, keine Worte für den Kummer, den er diesen Mädchen und Frauen und deren Angehörigen bereitet hat.

Ich möchte auch gar nicht länger von ihm erzählen, sondern mich einer Frage widmen, die mich beschäftigt, seit ich mich selber gegen einen Betreuer wehren musste, der mir und anderen Turnerinnen Leid angetan hat. Er war Nationaltrainer und unser Trainer in Magglingen. Über Jahre schikanierte er uns, beschimpfte mich als «fette Kuh». Für die Öffentlichkeit war ich das «Schätzchen der Nation», ich strahlte, aber nur nach aussen. In mir drin zerbrach ich.

Ob psychisch oder physisch: Missbrauch gibt es überall. Auch überall im Sport. Aber Kunstturnen ist besonders gefährdet, weil hier die Sportlerinnen und Sportler besonders jung sind, wenn sie aus ihrem Umfeld gerissen und in irgendwelche Leistungszentren gesteckt werden, fernab von allem, was ihnen vertraut ist. Wir waren Kinder.

Heute weiss ich, dass das, was ich erlebt habe, auf einem systemischen Problem gründet. In kaum einer anderen Branche wird es einem Täter so leicht gemacht, Opfer gegeneinander aufzuhetzen. Und wenn sich doch jemand zu wehren versucht und sich an eine übergeordnete Stelle wendet – an die Verbandsspitze zum Beispiel –, dann bedeutet das noch lange nicht, dass sich etwas ändert. Denn der Täter, sei es der Trainer, sei es der Arzt, macht auf den ersten Blick ja vielleicht gute Arbeit. Vielleicht hat er Erfolg. Und weil es im Sport immer um Erfolg geht, nur um Erfolg, wird nichts getan.

Ich denke, es gibt zwei Dinge, die sich ändern müssen. Erstens braucht es dringend überall, wo junge Menschen Sport treiben, eine unabhängige Stelle, an die sie sich wenden können, wenn sie Missbrauch beobachten oder selber Opfer von Missbrauch werden. Eine Stelle, die ihnen Glauben schenkt, eine Stelle auch, die in keiner Weise mit den Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern verbunden ist und der es wirklich nur um das Wohlergehen der Sportlerinnen und Sportler geht. Wie oft habe ich gesehen, wie Opfer, die sich zu wehren versuchten, zu Täterinnen und Tätern gemacht wurden.

Und zweitens braucht es Eltern, die ihren Kindern uneingeschränkt glauben. Und hier richte ich mich nun eben an euch: Egal, welche Hoffnungen ihr für die Karriere eurer Kinder habt (dass das an sich schon ein Problem ist, ist ein anderes Thema), zweifelt nie, nicht nur eine Sekunde, wenn euer Kind euch sein Leid klagt. Denkt nie auch nur einen Augenblick lang daran, dass die Karriere des Kindes zu Ende sein könnte, wenn es sich der Trainerin, dem Trainer widersetzt. Und bitte seid aufmerksam. Ich spreche aus eigener Erfahrung, wenn ich sage: Es ist gut möglich, dass ein Kind lange Zeit gar nicht realisiert, was ihm angetan wird. Ein Trainer, der seine Sportlerin «fette Kuh» nennt, darf es nicht geben.

Ich hatte das Glück, dass meine Eltern mir zugehört haben. Mir Mut zugesprochen haben, als ich mich zu wehren begann. Und trotzdem dauerte es Jahre, bis der Verband den Trainer entliess. Und noch einmal viel länger dauerte es, bis ich mich von den Wunden erholt hatte.

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